Rezension von Civilization - Das Brettspiel


(Diese Rezension basiert auf einem Rezensionsexemplar, das uns freundlicherweise vom Heidelberger Spieleverlag bereitgestellt wurde.)

Rezension

Ersteindruck
"Civilization - Das Brettspiel" vom Heidelberger Spieleverlag ist das zweite Brettspiel über das legendäre Computerspiel "Civilization" - steht aber in keinem Zusammenhang mit dem 2002 erschienene Spiel gleichen Namens. Das Spiel bildet keine Ausnahme gegenüber anderen Fantasy Flight Games-Umsetzungen des Heidelberger Spieleverlags - in positiver wie in negativer Hinsicht. Positiv ist wie üblich die Qualität der Illustrationen und des Spielmaterials. Alles wirkt sehr detailliert und durchgängig illustriert. Auch die Qualität stimmt: dicke und stabile Papp-Marker sowie Spielfeld-Teile und griffige Karten (in verschiedenen Größen) lassen kaum Luft nach oben. Negativ ist leider erneut die Aufbewahrung der Spielmaterialien: kein Tiefziehteil und (zu) wenige Zip-Tüten sorgen für Chaos in der Schachtel.

Die Anleitung ist sehr ordentlich. Die vielen Regeln (knapp 30 Seiten) werden in logischer Reihenfolge erklärt und durch ausreichend viele Beispiele illustriert. Durch die Regelmenge wird man immer wieder die Anleitung benötigen - der gute Aufbau reduziert aber die Suchzeiten. Der Ersteindruck macht auf jeden Fall Lust auf das Spiel.

Thema & Ziel des Spiels
Der Weg einer Zivilisation von ihrer Geburt bis zu großen Errungenschaften ist lang. Das spiegelt auch das Computer-Spiel von Sid Meier wider, welches als Basis für dieses Brettspiel dient. Das besondere an diesem Spiel (Computer- wie auch Brettspiel) ist, dass er mehrere Möglichkeiten zum Sieg gibt. Es gibt 4 Wege, das Spiel zu gewinnen: Kultursieg, Wirtschaftssieg, Technologiesieg und Militärsieg. Je nach dem Weg, den der Spieler einschlägt, wird er sich also auf verschiedene Punkte des Spiels konzentrieren.

Spiel-Vorbereitungen
Der Marktplan sowie sämtliche Marker werden sortiert bereit gelegt. Jeder Spieler erhält einen Zivilisationsbogen, 6 Armeefiguren, 2 Pioniere, 3 Stadtmarker, 4 Militärtechnologiemarker, 36 Technologiekarten, 4 Staatsformkarten sowie einen Übersichtsbogen und eine Aufbaukarte.

Je nach Spielerzahl wird der Spielplan entsprechend aus 8 bis 16 Spielplanteilen mehr oder weniger zufällig aufgebaut und der Marktplatz mit diversen Karten und Markern bestückt. Jeder Spieler erhält nun einen Anfangswert an Rohstoffen und Karten. Die eigene Hauptstadt wird auf dem eigenen Start-Spielplanteil auf einem der 4 Mittelfelder platziert und darauf die anfänglichen Armee- bzw. Pionierfiguren gestellt.

Spielablauf
Das Spiel wird über mehrere Spielrunden gespielt, die jeweils aus den folgenden 5 Phasen bestehen. Dabei agiert jeder Spieler nacheinander reihum in jeder Phase.
  • Rundenbeginn: In dieser Phase wechselt zunächst der Startspieler-Marker. Weiterhin können die Spieler eine neue Stadt gründen (und diese auf dem Spielplan einsetzen) sowie ihre Staatsform ändern, wenn sie die passenden Technologien erforscht haben.
  • Handel: Die Handels-Phase können alle Spieler gleichzeitig durchführen. Sie erhalten entsprechend ihrer Handelssymbole Handelspunkte. Anschließend können die Spieler beliebig miteinander handeln (z.B. Handelspunkte, Rohstoffe oder Kulturereigniskarten).
  • Städteverwaltung: Während der Städteverwaltung führt jeder Spieler mit jeder eigenen Stadt genau eine Aktion durch. Dabei kann der Spieler entweder etwas "produzieren", sich den "Künsten widmen" oder einen "Rohstoff abbauen". Mittels Produktion kann ein Spieler neue Armeen, Pioniere, Einheiten, Gebäude oder Weltwunder erlangen, mit denen er seine Zivilisation weiter ausbauen und stärken kann. Spieler, die sich den Künsten widmen erhalten Kulturmarker, die sie auf der Kulturskala (eine der Sieg-Möglichkeiten) voranbringen und "nebenbei" Kulturereignisse auslöst bzw. große Persönlichkeiten hervorbringt. Durch das Abbauen eines Rohstoffs erhalten die Spieler die Grundsteine, um die Zivilisation zu erweitern.
  • Bewegung: In dieser Phase können die eigenen Pioniere und Armeen bewegt werden. Die Bewegungsweite gibt die Zivilisation (ggf. auch eine Technologie) vor. Dabei können Figuren alleine oder gemeinsam bewegt werden. Es gibt Einschränkungen durch Wasserfelder und dies ist die einzige Möglichkeit unerforschte Spielplanteile ins Spiel zu bringen. Weiterhin können die Spieler auf diese Art Hütten und Barbarendörfer erkunden und mit anderen Einheiten einen Kampf beginnen. Ein Kampf läuft bei diesem Spiel durch das Auslegen von Karten nach dem Stein-Schere-Papier-Prinzip ab.
  • Forschung: Durch das Ausgeben von Handelspunkten können in dieser Phase neue Technologien erforscht werden. Technologiekarten gibt es in 5 Stufen. Dabei muss eine neue Karte immer auf zwei Karten der niedrigeren Stufe abgelegt werden, so dass eine Pyramidenform entsteht (d.h. eine Stufe 2-Karten muss auf 2 Stufe 1-Karten liegen). Durch das erforschen von Technologien erhält der Spieler diverse Vorteile, z. B. produktivere Gebäude oder bessere Militäreinheiten.

Das Spiel endet, wenn ein Spieler eine der 4 möglichen Siegbedingungen erfüllt. Diese sind im einzelnen:
  • Kultursieg: Ein Spieler erreicht durch das Ausgeben von Kultur- und Handelspunkten das letzte Feld der Kulturskala.
  • Technologiesieg: Ein Spieler baut die Stufe 5-Technologie "Raumfahrt" .
  • Wirtschaftssieg: Ein Spieler sammelt 15 Münzen auf seiner Wirtschaftsscheibe.
  • Militärsieg: Ein Spieler erobert die Hauptstadt eines anderen Spielers.

Fazit
Das Computerspiel Civilization als Brettspiel umzusetzen ist eine undankbar Aufgabe - 2002 hatte sich Eagle Games daran versucht und heraus gekommen ist ein nettes (aber in meinen Augen viel zu langes) Miniaturen-Brettspiel, das aber nur lose an das Computer-Vorbild erinnert. Nun wagt Fantasy Flight Games (bzw. der Heidelberger Spieleverlag in der dt. Übersetzung) einen zweiten Versuch, der in keinem Zusammenhang zum o. g. Brettspiel steht. Um es vorweg zu nehmen: Die Neuauflage steht dem Computerspiel wesentlich näher und überträgt den Flair des Computer-Originals sehr gut in die Brettspielwelt.

Im Ersteindruck schon erwähnt wurde das hervorragende Spielmaterial (auch wenn es einige Mängel in der Aufbewahrung gibt). Alles ist stimmig, wirkt passend und hochwertig. Die Illustrationen sind durchweg auf einem hohen Stand. Wer die Brettspiele von FFG kennt, weiß, dass diese oft nicht für Gelegenheitsspieler gemacht sind. Auch Civilization bildet hier keine Ausnahme - eine gewissen "Einarbeitungszeit" von 1 bis 2 Partien (á 2 bis 4 Stunden) ist durchaus nötig um alle Zusammenhänge zu erfassen und weiterführende Strategien zu entwickeln. Auch die 30-seitige Anleitung schreckt Nicht-Strategen eher ab, auch wenn diese recht gelungen ist.

Besonders gut gefallen haben mir die unterschiedlichen Wege zum Sieg und die Kämpfe ohne Würfel mittels Stein-Schere-Papier-Prinzip (beides so auch aus dem Computer-Spiel bekannt). Hier geht es nicht unbedingt darum, die Mitspieler mittels Armee-Übermacht zu überrollen - die anderen 3 Siegbedingungen (Wirtschaft, Kultur und Technologie) sind mindestens ebenbürtig und je nach Spiel-Stil kann es Partien geben, in denen der kriegerische Aspekt überhaupt keine Rolle spielt. Auch die Kämpfe mittels Karten und ohne Statistik-Werte-Overkill haben mir gut gefallen und zeigen, dass dem Kampf nicht das Hauptaugenmerk des Spiels ist.

Interessant fand ich auch die Technologiepyramide, auch wenn sie rein inhaltlich etwas "konstruiert" wirkt - warum sollten die Stufe 1-Karten "Währung" und "Keramik" als Grundlage für die Stufe 2-Technologie "Druckerpresse" dienen? Trotzdem auch hier eine gute Abstraktion, die das Flair beibehält aber nichts verkompliziert. Die Wiederspielbarkeit ist recht hoch - durch unterschiedliche Völker und einen immer anderen Spielplanaufbau gilt es in jeder Partie neu zu taktieren.

Einen ganz kleinen Wermutstropfen habe ich aber dann doch noch: Der Erkundungs-Drang durch Pioniere ist durch die begrenzte Spielwelt oft schnell vorüber, gerade wenn man auf nicht-militärische Ziele setzt. Das hat zur Folge dass es manchmal (insbesondere im späteren Spielverlauf) auf dem Spielplan recht "ruhig" zugeht.

Preislich bietet das Spiel für aktuell 35 Euro einen tollen Gegenwert, sowohl was das Spielmaterial (Menge + Qualität) als auch was den Spielspaß betrifft. Damit ist Civilization auf jeden Fall in der obersten Liga der Zivilisations-Aufbauspiele einzusortieren. Einzig die recht hohe Einstiegshürde und die lange Spieldauer sorgen dafür, dass das Spiel wohl nur im Strategie-Experten-Kreis regelmäßig auf den Tisch kommen wird. Wer hingegen Spaß an Strategie und Zivilisationsaufbau hat, dem sei das Spiel auf jedem Fall ans Herz gelegt.



06. August 2011 - (tp)

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